Bio non grata
Montag, Juli 6th, 2009 | Allgemein, Ernährung, Märkte
Das Leben als Markttandler hat was sehr Schönes. Man steht bei jedem Wetter unwiderruflich fix hinter seinem Marktwagen und blickt (falls nicht gerade eine Kunde da ist) in eine Mischung von Menschen die einkaufen, verkaufen oder auch nur stundenlang durch den Markt spazieren und nichts kaufen. Vor allem am Naschmarkt sind letztere Exemplare öfters anzutreffen. Diskutiert wird mit allen drei Gruppen - und nicht nur über Käse.
Etwas einsilbig und langweilig kann es im Bioeck am Naschmarkt zugehen: Da kommt so mancher Kunde mit der Frage: “Sind das Biokäse?”. Wird das nicht eindeutig bejaht, dann spürt man etwas ähnliches wie Arroganz und der Kunde zieht davon. Kommt es zur Diskussion, dann stelle ich immer wieder mit erneuter Überraschung fest wie uninformiert die Konsumenten bzgl. Biokäse sind bzw. von welchen falschen Tatsachen so mancher Biokäsebekenner überzeugt ist.
Zwei der wichtigsten Faktoren bei der Käseerzeugung sind:
1) Weidehaltung der Kuh.
Eine Milchkuh gehört solange wie möglich auf die Weide. Die schönsten immer wieder kehrenden Sommerausflüge sind die Besuche bei meinen Produzenten. Dazu gehört, dass beim Anreisen (ob mit Auto zum Hof oder zu Fuß auch die Alpe) von zufrieden in der Wiese herumstehenden Kühen “wundrig (=neugierig)” begrüßt zu werden. Kühe benötigen auch im Winter die Möglichkeit den Stall verlassen zu können. Und sie tun das auch - vorausgesetzt man läßt sie. Dasselbe gilt auch für Schafe und Ziegen.
2) Die Fütterung der Kühe.
Die Vierermägen der Milchkuh und somit die Kühe fühlen sich mit frischem Gras oder Heu am wohlsten. Silagefütterung und Kraftfutter sind keine optimale Ernährung für die Kuh. Sie schaden der Vitalität des Tieres und tragen nicht zur nachhaltigen Tierhaltung bei.
Andersrum betrachtet konnte die ETH Zürich zeigen, dass grasgefütterte Kühe mit ihrer Milch die Grundlage für einen Käse liefern, der wertvolle ungesättigte Fettsäuren enthält! (->link zum Artikel).
Was ist nun die Grundlage des Biokäses?
zu 1) Ca. 15% der österreichischen Milcherzeugung ist biologisch zertifiziert. Der Großteil dieser biologisch gehaltenen Kühe hat noch nie eine Weide gesehen. Das ist in den Richtlinien nicht vorgesehen bzw. nicht verlangt. Damit unterstützt man mit dem Kauf von Biokäsen ein trauriges Dasein von Kühen die ihr ganzes Leben im Stall verbringen!
zu 2) Die Biorichtlinien erlauben sowohl den Einsatz von ganzjähriger Silagefütterung und dazu einen Anteil von bis zu 40% Kraftfütterung (auch Soja!). Somit sind wir weit entfernt von einer artgerechten Fütterung der Tiere.
Die glücklichen Kühe oder Schweinchen auf den grünen Weiden der Werbeplakate sind der Ausnahmefall und haben meistens nichts mit der Tierhaltung von ökologische zertifizierten Betrieben zu tun. Werbung wirkt allerdings und der Konsument glaubt daran. Er glaubt auch ganz gerne daran, weil dann muss er sich nicht mit seinem Lebensmittel beschäftigen.
Das ist der Grund warum bei kaes.at die Bioproduzenten nicht ausgezeichnet werden. Diese Auszeichnung ist nicht nur sinnlos sondern für mich die größte Konsumententäuschung überhaupt.
Vielleicht ist das auch der Grund warum wirkliche Käsekenner nichts mit Biokäse anzufangen wissen. Könnte es sein, dass die Haltung und die Fütterung auch noch eine Auswirkung auf den Geschmack hat?
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5 Kommentare to Bio non grata
offenbar haben nicht nur die bauern sondern auch die konsumenten wie katha vergessen dass es für den winter früher etwas gab und das nennt sich heu. ist halt mehr arbeit und erfordert mehr platz als silofutter.
schön, dass es pagets käse bei euch zu kaufen gibt, stefan! und ich bin froh, dass wir uns darüber einig sind, dass die biobewegung grundsätzlich wichtig ist. natürlich sind viele der richtlinien nicht weitreichend genug bzw. aus machtgründen zu wenig streng. ich gehöre bekanntlich weder zur bio- noch zu sonst irgendeiner lobby.
was als rhetorische frage gedacht war, nämlich die winterfütterung und medikation, ist mir bei verantwortungsvollen bauern und bäuerinnen (und solchen mit gutem geschmack) schon klar. aber käse kommt halt nicht nur aus silofreien regionen (dort ist es dann tatsächlich nicht so wichtig, ob bio oder nicht). und es gibt auch nicht nur rohmilchkäse. das bio-zertifikat in einer negativ-definition bedeutet ja nicht, dass jeder betrieb die gesetzlichen grenzen auslotet (oder gar überschreitet).
tut mir leid, sie enttäuschen zu müssen, herr gold, aber erstens schreibe ich nicht nur als konsumentin, sondern auch als kulinarik-profi und zweitens habe ich viele monate meines lebens auf einem bergbauernhof in niederösterreich verbracht und weiss deshalb nicht nur, dass es “früher etwas gab und das nennt sich heu” (das gibt es immer noch, und es heisst nach wie vor heu), sondern ich weiss auch, wie man es macht. bitte keine tendenziösen verallgemeinerungen, die bringen nichts und sind bloss unhöflich. ich vermute nämlich, dass ohnehin alle, die hier mitlesen und -schreiben, ein interesse an guten lebensmitteln möglichst aus handwerklicher und nicht industrieller produktion haben.
7. Juli 2009
halten zu gnaden,katha, ihr wissen um heu geht aber aus ihrem post nicht hervor. ich les nur silage und medikamente. warum prangern sie die polemik der andern an und polemisieren selber?
übrigens, in manchen fällen sind auch lebensmittel aus industrieller fertigung gut, es ist nicht immer eine frage von bio, sondern auch eine von können. und wo ist eigentlich die grenze zwischen bio und industrie? auch industrielle fertigung kann bio sein. und bio kann ziemlich grauslich sein.
aber hauptsache der käse schmeckt uns. (Übrigens:rote rüben haben mir nur einmal in meinem leben geschmeckt, im noi, sonst mag ich sie nicht)
geben’s den rüben doch noch eine chance, herr gold.
die grenze sehe ich auch nicht zwischen bio und industrie (im gegenteil, die stetig wachsende bio-industrie ist ja ein riesenproblem), sondern zwischen handwerk und industrie!
ich sehs noch viel einfacher: die grenze ist zwischen gut und schlecht, und das schmeckt man
7. Juli 2009